| |
Garten & Haus. Nicht Haus & Garten, wie man es oft liest,
so habe ich die Überschrift oben gewählt. Es gibt den nachdenkenswert
schönen
Spruch, welcher Alexander von Humboldt zugesprochen wird: "Kühner als
das Unbekannte zu erforschen, kann es sein das Bekannte anzuzweifeln".
Mein Vorschlag ist deshalb folgender: stell dir vor, du bewohnst
einen Garten mit Haus, statt ein Haus mit Garten. Aus dieser
anderen Betrachtungsweise auf ein scheinbar altes Thema, entsteht vielleicht ganz anderes Konzepte für die
Gartengestaltung oder auch für einen Hausbau.
Neben der Sichtweise Garten und Haus, von denen aus man das Wohnen sehr unterschiedlich betrachten kann, stelle ich noch einen dritten
Sichtpunkt in den Raum: die Kunst. Die Kunst ist ein Maßstab des
menschlichen Geistes, der im Raum steht und uns unbewusst das Maßhalten
lehrt. Wohnkultur und Wohnkunst hilft uns,
das wir das Glück nicht mehr in der Ferne suchen, sondern nahe bei uns
in unserem Heim.
Der Garten ist nichts Natürliches. Er ist
Menschenwerk. Ein Garten ist bebautes Land, was schon immer einer
menschlichen Wohnstätte zugeordnet war und jeder weiß, wie schnell ein
ungepflegtes Stück Land verwildert oder wie schnell ein verlassener
Garten bzw. ein verlassenes Haus zur Ruine wird: der Zaun kann das Haus
nicht mehr schützen. Zuerst werden die Fenster des Hauses zerschlagen.
Stürme reißen das Dach auf, Regen und Frost bröckeln an dem Mauerwerk.
Balkenkonstruktionen werden zur Nahrung der Pilze, Flechten und
Insekten. Die Natur zersetzt, ebnet und tilgt die alte menschliche
Ordnung, worauf Pionierpflanzen wie Birken, Holunder und Brennnesseln
das Werk der roh waltenden Kräfte fortsetzen und ihre neue Ordnung
aufbauen.
In unserer modernen Umwelt haben wir kaum noch eine Vorstellung darüber,
dass besonders in unseren Breitengraden diese Naturordnung dem Menschen
feindlich gegenübersteht. Wilde Tiere, Kälte und Unwetter waren eine
Bedrohung für unsere Vorfahren und so suchte man sich einen schützenden
Raum zu schaffen.
Der Garten war zu aller erst ein Schutzraum und Wohnplatz für Mensch,
Haustier und Nutzpflanzen. Vielleicht ist er die älteste Bautätigkeit
des Menschen überhaupt, denn das Wort Garten bezeichnet ja zuerst einmal
nur einen umfriedeten Raum.
Ursprünglich verwendete man dafür lebende Zäune. Der „Stecken“ war das gesteckte Weidenholz für den lebenden Zaun. Man baute und formte mit
lebenden Baustoffen den Hag, die Hecke, die Hürde, den Hain oder die
Laube. Der Mensch war Teil der Natur und er baute mit der Natur.
Aus Flechtwerk baute man den schlichten Zaun und mit derselben Technik
auch die Häuser – mit Holzpfählen, Flechtwerk und Lehm. Die Gerte, also die
geschnittene Weiden- und Haselrute war das Material der Flechtzäune für
die Einfriedung. Weide, ursprünglich im Wort: wida (und gleichfalls
verwandt mit vitis, der Weinrebe) bedeutet im Wortkern – winden. „Stock-Werk“
sagt man heute und denkt dabei wohl nicht mehr an die alte Bautechnik.
Auch das Wort „Wand“ hat gleich der Weide und dem Wein im Wortstamm das
„winden“ - „das Gewundene“ in sich. So auch der „Walm“ – die Linguisten
übersetzen den Walm mit „Strohgeflecht“. Somit verrät der Name die Art
der alten Dachkonstruktion.
Mit der Verwendung der am Ort vorhandenen Baumaterialien entstanden
landschaftstypische Bauweisen und Baustile. Die Architektur bekam durch
die Baustoffe eine starke Prägung – weniger die Gärten – trotzdem
unterscheiden wir in der Gartengestaltung heute verschiedenste
Gartenstile, welche letztlich doch ihren Ursprung in der Verwendung der
ortstypischen Baumaterialien fanden. Holz, Stein oder Bambus prägten die
verschiedenen Stilformen. Bauerngarten, Cottagegarten, mediterraner
Garten oder fernöstlicher Garten – alle diese Stilrichtungen werden umso
interessanter, je mehr wir uns mit ursprünglichen Bauweisen vertraut
machen. Zugleich kann mit einer sorgfältigen Wahl der Materialien ein
gestalterisches Chaos im Garten vermieden und durch die verbindende Idee
ein klares Grundkonzept und Leitmotiv entstehen.
Bild oben: Bronzeplastik von Malgorzata Chodakowska
|
|