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Der nördliche Holz-Baustil
Aus dem Baumstamm wird der Balken geschlagen, die Bohle, das Brett,
daraus entsteht die Brüstung, die Brücke ... das Bord, das Bordell
(französisch = Hütte) oder der Bildstock. Anders als bei der Lehm- und
Flechtbauweise, wo der Werkstoff formbar ist, so ist bei der
Zimmermannsarbeit das Holz nur begrenzt formbar. Deshalb wird die Form
der Bautätigkeit bedeutend durch das Material bestimmt.
Meist hatte man das Holz gelagert verarbeitet. Blockhütten sind weithin
bekannt - doch neben dieser Blockbauweise aus waagerecht geschichteten
Balken stoßen wir im Norden Europas auf das sogenannte Stab- oder
Reiswerk. Es ist eine Holzbautechnik aus senkrecht gestellten Pfosten
und Masten und aus steilen, hochragenden, mit gespalteten Holzschindeln
gedeckten Dächern.
An asiatische Pagoden erinnern die norwegischen Stabkirchen mit ihren
steilen, mehrfach übereinander gesetzten Pultdächern und gegenüber den
Blockbauten ist diese kompliziertere Bauart mehr als eine verbesserte
Technologie. Es ist eine Philosophie, welche von dem Wesen des
verwendeten Materials abgeleitet wurde – vom Baum. Unser Wort „Baum“ hat
eine interessante Wurzel, oder besser gesagt einen interessanten Ursinn:
der Wortkern bezeichnete neben „das sich im Wind wiegende“ auch "das
Sein", "das Dasein“, "die Existenz". Auch das Wort „bauen“ hat hier seine
Wurzeln – also das ins Dasein schaffende, schöpferische Tätigsein des
Menschen ist „das Bauen“. Nicht von Ungefähr kommt das Bild vom
„Wachsen eines Bauwerkes“.
Die ursprüngliche Wohnung der Menschen im Norden Europas war das
Hüttenhaus mit steilem Stroh-, Schilf- oder Schindeldach (begründet, um
als Baukonstruktion Regen und Schneelast standzuhalten). Die
Vergrößerung der Wohnfläche entstand nicht durch die Erweiterung der
Wohnflächen in der Ebene, sondern durch senkrechten Wuchs oder durch
selbständige Nebeneinanderstellung.
Im Gegensatz dazu finden wir südlich der Alpen flache Dachdeckungen und
die Vergrößerung der Wohnfläche durch Zusammenschließung zu einer Reihe
oder einem Ring bei gleichzeitiger Aufgabe der Selbständigkeit des
einzelnen Hauskörpers. Durch Gliederung entsteht das südeuropäische
Hofhaus, das sich als ein komplexer Baukörper nach innen mit
schattenspendenden Säulengängen öffnet und den architektonisch
gestalteten Gartenhof im Inneren umschließt. Die künstlerische
Entwicklung geht hier bis zum Renaissancepalast (dem "Steinbaustil"),
mit dem nach Außen hin abgeschlossenen, architektonischen
Renaissancegarten.
Die nordalpine Bauart belässt auch bei Hofbildung jedem Haus des
Gehöftes eine Selbständigkeit. Auch im Zusammenschluss in der Reihe,
wenn sich die Giebel zu Straße zuwenden, bleiben die Baukörper
selbständig und schließen sich zu den Nachbarhäusern ab.
Hochaufragende Spitz- und Pultdächer und senkrechte Linien machen das
Wesen dieses nordalpinen Baustils aus und vom Wesen des Hausbaues hängt
alles andere Bauen in Landschaft und Garten hinsichtlich Form, Stoff und
Eigenart ab.
Beispiele von Holzarchitekturen sind: Holzzaun, Staketenzaun, Faschinen,
Flechtwerk, Bohlwerk und Holzlauben mit Hochspitzdächern,
Kleinbauten aller Art in Holz mit Giebelbildung, Holz, Stroh, Rohr als
Dachstoff, Holzbrücken oft mit Dachschutz gegen Verwitterung.
Nordalpine Architekturen sind Schutzhütten, Vorratshütten, Hauslauben,
Badehäuser, Saunen, Torhäuser aus Holz. "Trücken", das sind Umgänge und
Austritte oberer Stockwerke aus Holz, Holzwände, Bohlung, Fachung,
Täfelung, Verschalung mit Schnitzwerk und Färbung. Holzsäulen und
Holztreppen. Bohlwege, hölzerne Bildstöcke, hölzerne Hebebrunnen.
hölzerne Grabmäler.
Bild oben: Glasskulptur von Gartenskulptur von Stefan Szczesny
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